Harald Seiz über die Auswirkung des neu eingeschlagenen Kurses der U.S. Zentralbank auf den Goldpreis

Ende August hielt der Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome Powell, seine Rede zu Jackson Hole und enthüllte dabei einen neuen monetären Rahmen, der sich laut Herrn Harald Seiz, Gründer und Geschäftsführer der Karatbars GmbH, langfristig positiv auf den Goldpreis auswirken könnte.

Herr Seiz, Haben Sie geglaubt, dass die Geldpolitik von Ben Bernanke (von 2006 bis 2014 Vorsitzender des Federal Reserve Board) als Reaktion auf die Große Rezession außergewöhnlich war?

Harald Seiz: Nein, Bernanke war im Vergleich zu Jerome Powell harmlos. Powell führte ZIRP (Zero Interest Rate Policy), also die Niedrigzinspolitik schnell wieder ein, setzte darüber hinaus eine unbegrenzte quantitative Lockerung der Regulierungsmaßnahmen durch und stellte Rettungspakete für die Wall Street bereit – und jetzt riskiert er eine höhere Inflation. Übrigens, alles Maßnahmen, die den Goldpreis steigen lassen.

Im August 2020 hat Jerome Powell, eine Rede gehalten, in der er einen neuen monetären Rahmen vorstellte. Welche Auswirkungen wird jetzt dieses Vorgehen auf die Märkte im Allgemeinen und ganz besonders auf den Goldmarkt haben?

Harald Seiz: Powell kündigte eine flexible Strategie zur Bekämpfung der durchschnittlichen Inflation (FAIT) an. Hiermit legte er den Zielwert der Inflationsrate fest, der seiner Meinung nach noch mit dem allgemeinen Ziel der Geldwertstabilität zu vereinbaren ist.  Mit anderen Worten, nach Perioden anhaltend niedriger Inflation wird die Fed “wahrscheinlich für einige Zeit eine Inflation von moderat über 2 Prozent anstreben”, wie in der geänderten Erklärung zu den längerfristigen Zielen und der geldpolitischen Strategie angegeben wurde. Das bedeutet, dass der Goldpreis bis auf weiteres moderat ansteigen kann, denn dieser Wert ist eher ein Korridor als eine genaue Vorgabe und von den Zentralbanken der Einzelstaaten beliebig interpretierbar.

Also im Klartext meinen Sie, dass die Fed damit ankündigt, eine etwas höhere Inflation zu akzeptieren?

Harald Seiz: Ja. Und wie hoch die im Einzelnen ausfällt, wird sich zeigen.

Aber sollte die Zentralbank nicht lieber versuchen, die Preisstabilität zu erreichen und die Gesellschaft vor hoher Inflation zu schützen?

Harald Seiz: Natürlich sollte sie es versuchen. Aber Gold ist ja in den letzten Monaten nicht ohne Grund so in die Höhe geschossen. Die in den letzten Jahren anhaltend niedrigen Inflationsraten unter dem Ziel der Fed von 2 Prozent, haben auf dem Markt Zweifel aufkommen lassen, ob Die US-Notenbank überhaupt eine höhere Inflation finanzpolitisch ausrufen kann. Daher begann die Fed – und die Finanzmärkte insgesamt – zu befürchten, dass sie die Kontrolle über die kürzlich gesunkenen Inflationserwartungen verlieren wird. Das hat Powell in seiner Rede im August ja auch recht unumwunden zugegeben. Die Problematik der höheren Lebenshaltungskosten,  also höhere Preise für Lebensmittel, Benzin und Mieten sind ihm dabei sehr bewusst.

Aber warum gibt die Fed das dann überhaupt als Ziel aus?

Harald Seiz: Weil sie meint, das eine anhaltend zu niedrige Inflation ein echtes Risiko für die Volkswirtschaft darstellen kann. Während so eine Philosophie die Gold- und Rohstoffmärkte auf lange Sicht stärkt, kann man hier sicherlich geteilter Meinung sein. Die Fed ist auf jeden Fall der Meinung, dass ein niedriges Inflationsniveau auf lange Sicht zu einem Rückgang der Inflationserwartung führt und das ist von den Regierungen und Zentralbanken offensichtlich nicht gewollt, weil das die tatsächliche Inflation noch weiter absenkt.

Herr Seiz, Sie wollen also damit sagen, dass in der Zins- und Inflationspolitik der Fed praktisch eine Aufwertung des Goldes mit eingebaut ist?

Harald Seiz: Genau so ist es! Diese Dynamik ist für die Sparer weltweit ein Problem, da die erwartete Inflation direkt in das allgemeine Zinsniveau einfließt. Wir beobachten diesen Prozess in vielen großen Volkswirtschaften auf der ganzen Welt und sehen, dass es sehr schwierig sein kann, sie zu überwinden, wenn sie erst einmal eingesetzt hat. Mit Gold als Anlage und Wertspeicher kann jeder Bürger diesem Zyklus aus dem Weg gehen und der globalen 0-Zins-Politik ein Schnippchen schlagen.

Herr Seiz, wir bedanken uns für dieses Interview.